Texte

 

Everybody is invited to this bonfire.
Throw all your questions.
Throw all the answers as well.
Throw all your cares.
Have that much courage.
Say I have no time for answers anymore.
Put everything into this fire.
And do it now also.
This is the instant way.
Throw everything now.
No practice,
No philosophy.
But who can do it, you see?
Be willing to be completely empty.
Don't even be a woman or a man.
Don't be a seeker.
Don't be anything.
Don't say any more prayers.
Don't chant any more mantras.
Don't go on any more pilgrimages.
Leave everything, because up till now even your seeking is an avoidance,

another excuse of your mind not to discover the ever-present truth.
Our minds want to say a lot about truth.
But nothing it says is true.
You are here before the mind.
You know it's ways.
This is why I say
throw everything in the fire right now.
It seems very drastic, my words,
but they are totally powerful.
Why keep walking around with the mind on your back?
Put him down and walk away free.

Mooji

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.


Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf

 

 

Über die Geduld

von Rainer Maria Rilke

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären...

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit...

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Anmerkung: Diese Zeilen stammen aus einem Brief von Rainer Maria Rilke "an einen jungen Dichter" (Franz Xaver Kappus), in dem sie an verschiedenen Stellen eingestreut sind. Wer die hier vorliegende Fassung formuliert hat, ist unbekannt. Der Titel "Über die Geduld" stammt jedenfalls nicht von Rilke selbst! Zum Brief: www.rilke.de/briefe/230403.htm

 

 

 

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
dass ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
Lass dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.

Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.


Rainer Maria Rilke, 4.10.1899, Berlin-Schmargendorf

 

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